Gibt es Geborgenheit unter Männern? – Männer sind Söhne

Gibt es Geborgenheit unter Männern?

Sehnsucht nach GeborgenheitIn einem Spätsommer vor über zwölf Jahren in den nordschwedischen Wäldern. Eine kleine Gruppe Männer hatte sich auf den Weg gemacht, um sich zwei Wochen lang dieser Wildnis auszusetzen. Unser Ziel war ein großer See irgendwo mitten im Wald. Die Reise war organisiert und einschliesslich Kanus, Schwimmwesten und Lebensmitteln hatten wir alles dabei. Wir waren nicht schutzlos, jedoch sehr reduziert ausgerüstet. Wir kochten und sangen am Feuer, lebten in Zelten, kackten geordnet in den Wald. Handies hatten keinen Empfang, die Gegend war uns fremd. Es ist das Zuhause von Bären, Elchen und Moskitos, ein geheimes Reich und wir geduldete Eindringlinge. Spätestens am zweiten Tag hatten wir nichts mehr als die Natur und unseren Männerkreis.

An diesem Ort, unserem Basislager, bereiteten wir uns vier Tage lang vor. Dann ging jeder von uns allein in die Wildnis an einen selbstgewählten Platz und verbrachte dort vier Tage und Nächte, mit einer Plane und nur dem Notwendigsten ausgerüstet. Wir fasteten, tranken das Wasser des Sees und durchwachten die letzte Nacht, die Nacht der Vision. Nach diesen vier Tagen Einsamkeit kehrten wir in unser Basislager zurück und verbrachten noch einmal vier Tage in Gemeinschaft zur Integration des Erlebten. Damals dachte ich, dass im Zentrum dieser Reise das ganz persönliche Ritual meiner Visionssuche stand. Die vier Tage und Nächte allein in der Wildnis. Tatsächlich ist in dieser Zeit viel mit mir passiert, was mir bis heute wichtig ist und mich im Alltag begleitet.

Ein besonderes Geschenk jedoch habe ich schon in den ersten vier Tagen bekommen und ich entdecke seither immer noch neue Facetten davon. Heute weiss ich, es war meine wichtigste Erfahrung dieser Visionssuche:

Ich habe mein Mißtrauen gegenüber Männern gesehen, wie ich es aufrecht erhalte und welchen Preis ich dafür bezahle!

Tagelang war ich mit zugewandten, achtsamen Männern zusammen, bei denen ich willkommen war. Wir lernten uns kennen; ein Teil von mir saß mit ihnen am Feuer, durchwanderte mit ihnen die Gegend, redete und aß mit ihnen – während ein anderer Teil von mir auf der Flucht war. Ich hatte Angst, mich den Männern anzuvertrauen, mich zu zeigen. Heute kenne ich die Gründe dafür und ein wenig wußte ich damals schon darüber. Doch das half mir nichts gegen meine Verwirrung und mein Verstummen. Ich hatte Bilder im Kopf, die nicht funktionierten.

Zum Beispiel: ein Mann ist nicht verwirrt! Ein Mann ist souverän, kennt sich aus und weiss, wo es lang geht!

Im Verlauf der ersten Tage war ich innerlich gespalten und das wurde immer schlimmer. Ich verlor den Boden unter den Füßen, machte Fehler, die meine Sicherheit gefährdeten. Ohne es zu merken entfernte ich mich immer mehr von mir selbst. Es ging mir richtig schlecht und ich wusste nicht, was ich tun konnte, was ich sagen konnte. Ich brauchte Hilfe und wagte nicht zu schreien.

Zum Beispiel: ein Mann schreit nicht aus Verzeiflung und innerer Not! Ein Mann ruft nicht um Hilfe! Ein Mann brüllt jemanden zur Einschüchterung an!

Das Schlimmste war: ich war daran gewöhnt. Ich lebte schon so lange mit dieser Aufspaltung und deshalb spürte ich so wenig davon. Mein Selbstschutz fühlte sich an wie eine dicke Daunenjacke, in der mich nichts wirklich erreichte. Die Männer suchten nach mir, manche mehr, andere weniger, das konnte ich jedoch nicht zulassen. Die Nähe schien viel zu gefährlich; sie könnten meine wahren Gefühle, meine Unsicherheit entdecken. Das hatten sie natürlich schon längst, denn ich trug das wie eine Aufschrift auf meiner Kleidung umher. Dennoch versuchte ich nach Kräften, sie zu verstecken und zu überspielen.

Dann kam der letzte Tag bevor wir allein in die Wildnis aufbrachen. Wer von uns Teilnehmern das wollte, konnte im Ritualzelt mit dem Leitungsteam noch ein persönliches Vorbereitungsgespräch führen. Schliesslich saß ich also in diesem besonderen Raum vor vier Männern, die mich in den vergangen Tagen begleitet hatten. Mir wurde klar, dass sie alle wussten, was mit mir los war und sie blickten mich freundlich und aufmerksam an. Der Druck in mir wurde immer stärker und ich konnte mir selbst nicht mehr ausweichen. Dann endlich fragte mich einer: „Heiner, wie geht’s dir denn jetzt?“ und schaute mir in die Augen. Und in dem Moment war ich wieder da. Der Teil von mir, der in heller Panik auf der Flucht war, kehrte in einem Augenblick durch diese Frage zu mir zurück. Es war, als ob er die Frage nicht an mich, sondern an diesen Teil von mir gerichtet hätte.

Ich weiß nicht mehr, was dann geschah, ob ich endlich meinem Schmerz nachgeben und weinen konnte und was wir geredet haben. Wichtig ist in meiner Erinnerung die Erfahrung, dass ich gesehen und abgeholt wurde. Ich war von mir aus nicht fähig, mich zu öffnen, ich brauchte die explizite, ganz persönliche Zuwendung. Es war buchstäblich notwendig für mich, von diesen Männern zu hören, dass sie sich für mich interessieren, mich ernst nehmen und besorgt sind. Erst das hat meine Angst gelöst und ich bekam den Mut, mich ihnen anzuvertrauen.

Seit diesem Schlüsselerlebnis ist viel in meinem Leben mit Männern passiert. Heute weiss ich, wie sich Geborgenheit unter Männern anfühlen kann und was ich dazu beitragen will. Die Männlichkeits-Abziehbilder in meinem Kopf kann ich langsam auflösen. Das wird noch Jahre dauern. Ich bin glücklich über die Vielfalt unserer Wesen und unserer Lebenswege. Ich bin glücklich darüber, ein individueller Mann zu sein, gleichzeitig ein Exemplar und ganz einzigartig. Ein männlicher Mensch, unergründlich, chaotisch und doch ausgerichtet, zentriert. Statt nur geduldet fühle mich willkommen und bin stets unfertig, unvollkommen.

Und so lebe ich in einem (tatsächlichen und einem virtuellen) Kreis von Männern, in dem ich den Platz einnehme, der seit meiner Geburt für mich vorgesehen ist. Auf diesem Platz zeige ich mich, rede mit Euch, mute mich zu, schenke mich Euch, gehe meinen eigenen Weg und doch mit Euch zusammen. Wir lachen und weinen gemeinsam, bestaunen uns, legen unsere Schwächen und vermeintlichen Fehler in die Mitte, bewältigen unsere Konflikte und wagen es, offen, zart und verletzlich miteinander zu sein.

Und ich gehe das Risiko ein, mich zu zeigen, meine Gefühle zu zeigen, ohne zu wissen, wie das ausgeht.

 

Foto: German M, „Solitude“
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