Wenn ich aufhöre zu kämpfen – Männer sind Söhne

Wenn ich aufhöre zu kämpfen

Da gibt es diesen Mythos: Männer sind Kämpfer! Das wirkt. Die Lebensmodelle unserer Altvorderen geben uns wichtige Aufträge dafür und je weiter wir in die Vergangenheit zurückblicken stellen wir uns selbst immer die gleichen Archetypen vor Augen: Der Jäger, der Versorger, der Beschützer, der Verteidiger. Diese Rollen wiederum erfordern einiges an Disziplinen: Wachsamkeit, Weitblick, Verantwortungsbereitschaft, Kampfbereitschaft, Mut, Entschlossenheit, usw.

Nichts daran ist falsch. Ich bin ein Mann, deshalb weiss ich das. Ich weiss, wie es sich anfühlt, wach und entschlossen zu sein. Oder kampfbereit. Das befähigt mich, zu entscheiden und etwas zu bewirken. Ich kann verteidigen, für Ordnung sorgen, eine Situation klarstellen, eine vielleicht unangenehme Aufgabe erfüllen, kann mich durchsetzen, einen Plan machen und umsetzen.

Und wir sind viel grösser, viel mehr als das.

Wenn ein Mann das nicht weiss und nicht spürt, dann wird er eng oder müde. Meistens beides.

Wer müde und überfordert ist, braucht Rückzug und Ruhe. Doch oft steht die Verantwortung dagegen: die Anforderung den Überblick, die Kontrolle zu behalten. Das ist ein Spagat zwischen zwei Polen. Und vielleicht gibt es noch mehr solcher Pole, beispielsweise die Angst davor, allein zu sein.

Nun ist es ja so, dass ein Spagat ziemlich cool sein kann. Wer sich dabei entspannt und sich der Dehnung hingibt, kann in dieser Körperhaltung meditieren. Doch es ist auch ein Bild für den Versuch, in einer Dauerspannung zwischen Gegensätzen zu leben. Sich im Stress einzurichten. In Erträglichkeiten zu leben, statt bewusst zu wählen.

Aber wozu eigentlich?

Warum tue ich nicht das, worauf ich jetzt am meisten Lust habe oder was mir am wichtigsten ist? Und zwar ganz, mit Haut und Haaren, mit meiner ganzen Aufmerksamkeit – jetzt und hier! Ohne mich gleichzeitig mit etwas anderem zu beschäftigen, das ich jetzt nicht mache.

Nein! Alles muss gleichzeitig sein! Müde und angespannt treiben wir Sport, um fit zu bleiben. Wir lassen uns nicht auskommen, gönnen uns möglichst wenig Auszeiten, denn was könnten denn die Anderen über uns denken? Irgendwas gibt es immer zu tun, irgendwas bleibt immer liegen, von irgendwoher kommt die nächste Aufgabe. Hin und wieder gibt’s Urlaub. Der muss dann alles an Erholung bringen, um weiter funktionieren zu können.

Meine Güte, da wirken immer noch die preussischen Tugenden von Nützlichkeit, Plichtbewusstsein und Kampf gegen die eigenen Schwächen, die ausgemerzt gehören.

Wir tragen das in uns und es macht uns krank! Und unsexy: wir verlieren die Lust. Statt dessen fühlen wir uns getrieben, hetzen durchs Leben, sind genervt, gereizt, werden gewalttätig gegen uns selbst und – schlimmer noch – gegen andere. Denn irgendwie muss die Spannung ja mal abgebaut werden!

Das alles kennen wir. Und das geben Männer seit Generationen weiter. Die Leistungskultur. Bis ins Bett. Und der Gipfel ist, in der gleichen Abrufbarkeit dann auch noch Entspannung und Präsenz beim Sex leisten zu wollen.

So. Punkt. Stehenbleiben. Für einen Moment innehalten.

Wenn ich aufhöre zu kämpfen, was bleibt mir dann?

Die Frage ist: ob wir uns selbst entdecken wollen.
Und ob wir bereit sind, dafür Raum zu schaffen und etwas dafür aufzugeben. Etwas von dem, wonach wir ständig auf der Jagd sind?

Lasst uns zur Ruhe kommen. Ausatmen. Vielleicht nur kurz nichts tun.
Buchstäblich nichts.
Ohne zu wissen, wozu. Ohne zu wissen, was dann kommt.

Ich wünsche mir viel mehr Männer, die nicht wissen, was dann kommt.
Die anwesend bleiben, nichts leisten und es drauf ankommen lassen.

Männer, die spüren, wie erschöpft sie sind und ihre Erschöpfung zulassen. Die eine zeitlang die inneren Bilder abstreifen und nackt in den Spiegel schauen. Die sich die Zeit nehmen, ihren eigenen Blick zu entdecken, ob er feindselig, fröhlich, liebevoll, verächtlich oder gleichgültig ist.

Die auf sich selbst schauen wie auf ihren eigenen Sohn.

Und sich auf die Suche nach ihrer angeborenen Intimität mit sich selbst machen.

4 thoughts on “Wenn ich aufhöre zu kämpfen

  • Wow Heiner,

    nah geht mir als Frau, was Du schreibst und in die Welt bringst. Möge es Männer und auch Frauen erreichen, was Du zum Thema „Männer“ aufzeigst und welche Räume Du öffnest.

    Das wünsche ich mir von Herzen.

  • Wow! wunderbar klar und auf den Punkt, lieber Heiner. Danke!
    Obschon ich ja immer gerne Mann mit männliches Prinzip ersetzen mag,
    weil sonst so viele natürliche Varianten an Menschs halt außen vor bleiben
    und auch die wichtige Tatsache, dass ja Jede/r aus beiden Energien, Prinzipien, Polen entsteht bei der Zeugung,
    beides in sich hat, beides beständig in Anwendung und Ausdruck bringt,
    und eben auch völlig unabhängig von der Ausstattung zwischen den Beinen.
    Aber, nu klar, es gibt sie halt trotzdem, die Rollen und Zuschreibungen und damit auch die Ist-So`s getrennt nach Körperausstattung. Leider.
    Aber Zeit wärs scho mal langsam, dass da weit mehr Buntheit normal würde.

    • Liebe Susanne, vielen Dank!
      Ich verstehe, was Du meinst und Du weißt, dass Du mir aus dem Herzen sprichst! 🙂 Es wird die Gelegenheit kommen, da ich einen Text (oder mehrere) über Menschen mit Penissen und/oder Vulvinas schreibe und darauf freue ich mich schon! Doch der Fokus dabei ist ein anderer als hier in diesem Text, in dem es ja um ein bestimmtes, gesellschaftlich gebildetes Männerbild geht (zugegeben: dem auch manche Frau anhängt oder sich angleicht). So ein Text ist doch immer wieder eine Wanderung zwischen Schritt, Bauch, Herz und Intellekt und wieder zurück. Und die ist auch notwendig!

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